19 Aug

Die Wichtigkeit kultureller Sensibilität und interkultureller Kompetenz in Psychiatrie und Psychotherapie

Kultur und kulturelle Identität

Der Begriff „Kultur“ wird in vielen verschiedenen Zusammenhängen und Disziplinen (z.B. Ethnologie, Anthropologie, Soziologie, Geschichtswissenschaft usw.) mit unterschiedlichster Bedeutung benutzt.

Im Kontext der Thematik dieses Artikels möchte ich folgende Definition für „Kultur“ verwenden:

Die erlernten, gemeinsam geteilten und weitervermittelten Werte, Überzeugungen, Normen und Lebensweisen einer bestimmten Gruppe oder Gemeinschaft, die Denken, Entscheidungen und Handlungen entsprechend erkennbaren Mustern beeinflussen und lenken (Leininger, 1991).

Der Begriff „Kultur“ ist vom Begriff der „Ethnie“ abzugrenzen. Menschen einer bestimmten Ethnie teilen eine gemeinsame Abstammung und Historie, nicht aber zwangsweise ein gemeinsames kulturelles Erbe. Man sollte also zwischen ethnischer Identität und kultureller Identität unterscheiden (vgl. Ton & Lim, 2006, S.7-8).

Kulturelle Identität wird unter den Menschen über unterschiedliche Dinge definiert, wie z.B. Ethnie, Alter, Beruf, Religion, sozioökonomischer Status, Bildung, Geschlecht, sexuelle Orientierung etc. So definiert gibt es also viele verschiedene kulturelle Gruppierungen oder Gemeinschaften.

Auf der Mikroebene gehört die Einzelperson in der Regel mehreren, als solche definierte kulturellen Gruppierungen an und vereint in ihrer Identität deren verschiedenen Charakteristika. Man kann hier von Mikro-Identitäten sprechen.

Wichtig im Zusammenhang kultureller Identität ist auch die Bedeutung der subjektiven- und objektiven Dimension (vgl. Ton & Lim, 2006, S. 10-11). Wie sieht sich die Person selbst und welcher kulturellen Gruppe fühlt sie sich zugehörig? Wie wird die Person von anderen wahrgenommen und welcher Gruppierung wird sie zugeschrieben?


Einflüsse der Kultur in der klinischen Praxis

Wie Krankheiten und Störungen gesehen und erlebt werden, ist immer auch durch die Kultur beeinflusst. Für die Interpretation von Leiden und Symptomen sowie der Art und Weise des Ausdrucks derselben und ihrer Kommunikation greifen wir -zumeist unbewusst- auch auf unseren kulturellen Hintergrund zurück.

In der klinischen Praxis haben wir es mit drei, unter Umständen unterschiedlichen Kulturen zu tun: Die Kultur des Patienten, die Kultur des Arztes oder Therapeuten sowie der medizinischen Kultur, in deren Rahmen der Arzt oder Therapeut behandelt (Tseng & Streltzer, 2004, S. 1-3).

Für den Arzt oder Therapeuten ist es wichtig, sich stets des Einflusses von Kultur im Zusammenhang mit Anzeichen und Symptomen (vgl. Ton & Lim, 2006, S. 14; Weiss & Somma, 2007) aber auch im Zusammenhang mit Behandlungs- und Therapieansätzen (vgl. Smith, 2006, S. 207-235) bewusst zu sein.

Im Hinblick auf psychische Gesundheit, psychische Störungen und Krankheiten kann Kultur wie folgt beeinflussend wirken:

  • Das Hervorrufen von Störungen und Krankheiten (pathogenic effects). Beispiel: kulturell bedingte Überzeugungen, die zu Angststörungen führen.
  • Verhaltensweisen und Reaktionen der betroffenen Menschen auf Leiden oder Belastungen (patho-selective effects).
  • Die Formung der Art und Weise von Symptomen (patho-plastic effects). Beispiel: Inhalte von Wahnvorstellungen, die kulturell bedingt bei Betroffenen unterschiedlich sind.
  • Die Verstärkung von Symptomen oder Verhaltensweisen (patho-elaborating effects). Beispiel: Symptome und Verhaltensweisen im Zusammenhang mit dem eigenen Körper, die durch ein in den Medien ständig gefördertes kulturell-typisches Körperideal verstärkt werden.
  • Die Förderung, Aufrechterhaltung oder Vermehrung der Häufigkeit von Symptomen oder Verhaltensweisen (patho-facilitative effects). Beispiel: Kulturell bedingter Alkohol- oder Drogenmissbrauch, z.B. als wichtiger Teil sozialer Geselligkeit innerhalb bestimmter Kulturen.
  • Die Art und Weise der gesellschaftlichen Reaktionen auf Symptome, Störungen und Krankheiten, die sich auch auf den Verlauf derselben auswirkt (patho-reactive effects). Dieser Faktor kann ebenfalls mitbestimmend dafür sein, wo oder bei wem Betroffene Hilfe und Heilung suchen.

Der unter Umständen große Einfluss der Kultur auf Symptome und Verhaltensweisen im Hinblick auf psychische Gesundheit zeigt sich auch in sogenannten „kulturgebundenen Syndromen“. Darunter versteht man Symptome oder Krankheitsbilder, die in ihrem Erscheinen normalerweise auf bestimmte Gesellschaften oder Kulturen beschränkt sind und bei denen biochemische Ursachen ausgeschlossen werden können. Beispiele hierfür sind das in Indien bekannte Dhat-Syndrom (Furcht vor Samenverlust und daraus resultierendem Verlust an „Lebensenergie“) oder die vorwiegend in Europa und Nord-Amerika zu findende Bulimie oder Anorexia Nervosa (beides Seelisch bedingte Essstörungen).


Kulturelle Sensibilität und interkulturelle Kompetenz in klinischer und therapeutischer Praxis

Die kulturellen Unterschiede unter den Menschen sowie der vielfältige Einfluss der verschiedenen Kulturen auf psychische Gesundheit, Störungen und Krankheiten machen kulturelle Sensibilität und interkulturelle Kompetenz von Ärzten und Therapeuten unabdingbar für eine adäquate Gesundheitsversorgung.

Interkulturelle Kompetenz wurde u.a. definiert als “die Fähigkeit des Einzelnen, über die Grenzen seiner eigenen kulturellen Interpretationen hinaus zu sehen, Objektivität gegenüber Personen aus anderen Kulturen zu bewahren und Verhaltensweisen und Absichten von Menschen aus anderen Kulturen wertfrei und ohne Vorurteile zu interpretieren und zu verstehen” (Walker, 1991, S. 6).

Die auch in Psychiatrie und Psychotherapie notwendige kulturelle Kompetenz umfasst u.a.:

  • Das Wissen und das Verständnis des Konzepts von „Kultur“ und ihrem Einfluss auf den Menschen.
  • Die Offenheit und die Bereitschaft, andere Kulturen kennenzulernen und sich Wissen über sie anzueignen.
  • Die Bereitschaft, kulturelle Unterschiede zu erkennen.
  • Das Verstehen, wie Kultur Störungen und Krankheiten, das Erleben derselben und die Kommunikation von Leiden und Symptomen beeinflusst.
  • Die Fähigkeit, kulturell-passende und adäquate Behandlungs- und Therapiestrategien zu entwickeln und umzusetzen.

Kulturelle Sensibilität und interkulturelle Kompetenz sollten sich nicht allein nur im Umgang des Arztes oder Therapeuten mit dem Klienten, in seiner Diagnose, Formulierung und Behandlung wiederspiegeln, sondern ebenso in Organisation und Setting der Einrichtung, der Institution oder der Praxis.

Ein spezielles, interkulturelles Training für Ärzte, Psychiater und Therapeuten ist erfreulicherweise in vielen Bildungseinrichtungen der Welt bereits Standard. Forschungen und Studien zu diesem Thema sind in unserer modernen Welt zahlreich und entsprechende Ausbildungen und Trainingsprogramme werden stetig weiterentwickelt (vgl. Dogra & Karim, 2010).

Für Deutschland würde ich mir wünschen, dass die Wichtigkeit kultureller Sensibilität und interkultureller Kompetenz noch mehr ins Bewusstsein von Ärzten und Therapeuten rückt und in Lehre und Ausbildung noch mehr gewürdigt und berücksichtigt wird.

Durch meine Arbeit mit religiösen (vor allem muslimischen) und ethnischen Minderheiten in Deutschland zeigt sich momentan noch, dass es leider nach wie vor einen großen Mangel an kultureller Sensibilität und interkultureller Kompetenz unter Ärzten und Therapeuten in Deutschland zu geben scheint.

Ich habe aber die Hoffnung, dass es auch in Deutschland bald eine adäquate psychologische Gesundheitsversorgung für alle Menschen, die in der deutschen Gesellschaft als Bürger leben, geben kann, ohne dass sie dafür ihre kulturelle Identität aufgeben und sich assimilieren müssen.

Wir alle sind Menschen. Eine unserer Gemeinsamkeiten ist, dass wir alle verschieden sind.

C. Muhammad Kasprowicz

contact@risaala.de


Quellen:

Bhattacharya, Rahul, & Cross, Sean, & Bhugra, Dinesh (Eds.). (2010). Clinical Topics in Cultural Psychiatry. London: RCPsych Publications

Bhugra, Dinesh, & Bhui, Kamaldeep (Eds.). (2007). Textbook of Cultural Psychiatry. Cambridge University Press

Dogra, Nisha, & Karim, Khalid (2010). Diversity Training for Psychiatrists. In Bhattacharya, Rahul, & Cross, Sean, & Bhugra, Dinesh (Eds.). Clinical Topics in Cultural Psychiatry (pp. 348-365). London: RCPsych Publications

Leininger, M. (1991). Culture Care Universality and Diversity: A theory of nursing. New York: National League for Nursing Press.

Lim, Russel F. (Ed.). (2006). Clinical Manual of Cultural Psychiatry (pp. 3-31). American Psychiatric Publishing, Inc.

Smith, Michael W. (2006). Ethnopsychofarmacology. In Lim, Russel F. (Ed.). Clinical Manual of Cultural Psychiatry (pp. 3-31). American Psychiatric Publishing, Inc.

Ton, Hendry, & Lim, Russel F. (2006). The Assessment of Culturally Diverse Individuals. In Lim, Russel F. (Ed.). Clinical Manual of Cultural Psychiatry (pp. 3-31). American Psychiatric Publishing, Inc.

Tseng, Wen-Shing, & Streltzer, Jon (Eds.). (2004). Cultural Competence in Clinical Psychiatry. American Psychiatric Publishing, Inc.

Walker, Martha L. (1991). Rehabilitation service delivery to individuals with Disabilities: a question of cultural competence. OSERS News in Print (pp. 6-11)

Weiss, Mitchell G., & Somma, Daryl (2007). Explanatory Models in Psychiatry. In Bhugra, Dinesh, & Bhui, Kamaldeep (Eds.). Textbook of Cultural Psychiatry (pp. 127-140). Cambridge University Press

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